Die Bozner Marktwoche 2017
- Pressemitteilung AWK
- 25. Juli 2017
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Okt. 2020
Im August 2017 verwandelt sich der historische Ortskern Mittenwalds in ein Handelsstädtchen des 15. Jahrhunderts. Streitigkeiten zwischen Venedig und Bozen bescherten ihm damals eine 200 Jahre währende Blütezeit. Diese feiern die Mittenwalder alle fünf Jahre mit Gauklern, Musik und buntem Markttreiben, bis der Nachtwächter kommt.

„Spätmittelalter zum Anfassen“ ist das Motto des historischen Bozner Marktes im oberbayerischen Geigenbauort Mittenwald. Von 5. bis 13. August 2017 laden die Mittenwalder zur Zeitreise in Spätmittelalter und frühe Renaissance. Als historisch gekleidete Kaufleute, Handwerker, Wirte, Gaukler und Musiker lassen sie den Urlaubsort in Bayerns Bergen als blühendes Handelsstädtchen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert hochleben. Handwerker wie Silber- und Hufschmied, Holzschindelmacher, Korbflechter oder Geigenbauer zeigen ihre Arbeit. Auch Brunnenbauer, Sattler oder Töpfer trifft man am Bozner Markt und kann historische Wollspinnerei oder Maltechnik bewundern. Dazu bieten Künstler, Akrobaten und Feuerspucker ein buntes Spektakel, und Stelzengeher mischen sich unters Volk. Den ersten Bozner Markt initiierte Hans Neuner 1987, er war damals Bürgermeister. Seither macht er ab 21 Uhr als Nachtwächter singend die Runde: „Ich rufe in den Schänken und Gassen zur Ruhe, warne vor Dieb und Feuer und bin dabei auch ein bisschen spöttisch unterwegs. In den vier Strophen wende ich mich an Junggesellen, Jungfrauen, Ehemänner und böse Weiber“, erzählt er.

Speis‘ und Trank wird in gemütlichen Schenken kredenzt, der Wein kommt stilecht nur in Krüge und Becher aus Ton. So erlebt man im ganzen Ort das Lebensgefühl von anno dazumal. Nachtwächter Hans Neuner kehrt besonders gern im alten Gewölbe der Pilgerschänke ein und liebt die friedliche Atmosphäre: „Die Leute kommen einfach in den Schänken zusammen, sind heiter und fröhlich, und wenn ich das Chianti-Lied anstimme, dann singen alle mit.“ Feierlich eröffnet wird der Bozner Markt am 4. August 2017 um 21 Uhr, mit den historischen Theaterszenen „Wein, Pest & Hexenjagd – Schicksale während des Bozner Marktes“.
Täglich ab 11 Uhr startet das bunte Markttreiben, ab 14 Uhr folgt das Kinderprogramm, um 21 Uhr 30 wird das Pestfeuer entzündet, bevor der Markt um 22 Uhr schließt. Unterhaltsam ist auch das Ende der Bozner Marktwoche: Beim Bartschneiden am 13. August lassen viele Mittenwalder auf der Bühne die Haarpracht abrasieren, die sie extra für die Marktwoche wachsen ließen.

Programm und mehr Infos unter: www.boznermarkt.de
Zwei weitere O-Töne von Protagonisten am Bozner Markt:
Geigenbauer Anton Maller ist seit dem ersten Bozner Markt im Jahr 1987 dabei. „Als Lautenbauer habe ich meinen Stand genau vor meinem Laden am Obermarkt. „Liuto e flauto“, also Lauten und Flöten steht auf dem Schild darüber. Zur Zeit des Bozner Marktes – also um 1500 - war der Geigenbau ja erst am entstehen. Davor gab es vor allem Gamben und lautenähnliche Instrumente, und die Laute war DAS Instrument zur Gesangsbegleitung bei Hofe. Erst die frühe Barockmusik benötigte handwerklich höherwertige Instrumente wie die Geige. Sie hielt mit Mathias Klotz als Zeitgenossen Stradivaris in Mittenwald Einzug.
Geschichte hat mich immer schon interessiert. So versuche ich, alles so naturgetreu wie möglich zu machen. Die Gewänder zum Beispiel haben unsere Frauen nach alten Vorlagen selber gemacht, und in alter Tradition trage ich eine grüne Schürze oder einen Lederschurz. Ich bin seit 40 Jahren Geigenbauer, zu mir kommen anspruchsvolle Musiker aus Japan, China oder Amerika. Der Bozner Markt ist eine gute Gelegenheit, auch den Einheimischen zu zeigen, dass der Geigenbau hier in Mittenwald unser Zugpferd ist.“

Für Theater-Autor, -Darsteller und Regisseur Georg Sailer, ebenfalls Pionier des Bozner Marktes, ist die Woche „eine Leidenschaft. Ich mag da nicht nur zuschauen, sondern mitmachen!“ Deshalb ist er mit der Gruppe „Tre Silvana“ musizierend und erzählend unterwegs und leitet das historische Eröffnungsspiel. „Die Geschichte spielt um 1550, als das Handelszentrum an der Isar bereits etabliert war, ja, als die Venezianer quasi erfolgreich „integriert“ wurden. Sie handelt von Neid, Missgunst und einer Liebschaft zwischen einem Venezianer und einer Mittenwalderin. Meist amüsant beleuchtet das Stück aber auch ein tragisches Kapitel im Werdenfelser Land: die Hexenverfolgungen, denen auch einige Mittenwalderinnen zum Opfer fielen.
Durch all die Vorbereitungen für den Markt wächst der Ort zusammen, das gefällt mir gut. Und die gemütlichen Schänken in alten Hausöffnungen, wo man sonst kaum hineinkommt, machen für mich das besondere Flair aus. Das späte Mittelalter – eben die Zeit des Bozner Marktes – fasziniert mich schon lange. So ein Zeitsprung in den Tagesablauf von damals, das wär‘ einmal interessant. Da waren Vorspanndienste, Wegelagerer, Landsknechte, es muss eine aufregende Zeit gewesen sein.“
Die Geschichte des Bozner Marktes:
Die Republik Venedig lag Ende des 15. Jahrhundert mit Erzherzog Sigmund von Tirol in heftigem Streit. Deshalb suchten die Venezianer eine sichere Alternative zu Bozen als Hauptumschlagplatz für die Waren aus Italien und dem Orient. 1487 verlegten sie den "Bozner Markt" nach Mittenwald, den ersten Markt nördlich der Tiroler Grenze. Er zeichnete sich durch die günstige Lage an der Isar und der ehemals römischen Via Raetia sowie durch ein bestens organisiertes Transportwesen zu Wasser und zu Land aus. So avancierte Mittenwald zum blühenden Handelszentrum zwischen den Städten im Norden und der Levante. Fast 200 Jahre lang genossen die Bürger Mittenwalds wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum. Diese Zeit feiert Mittenwald alle fünf Jahre.
Bis heute sind die Relikte aus Spätmittelalter und Renaissance in Mittenwald sichtbar: Hohe Toreinfahrten, eindrucksvolle Gewölbe oder Namen wie die „Ballenhausgasse“ (von Stoffballen) erinnern an die rege Handelstätigkeit mit Rohstoffen, Tuch und Gewürzen. Von der reichen Geschichte zeugen auch einige der bemalten Fassaden des Luftkurortes. Vor allem in der Fußgängerzone ist diese „Lüftlmalerei“ zu bewundern, die örtliche Künstler immer noch beherrschen.